von Stéphane Séjourné, EU-Kommissar für Wohlstand und Industriestrategie
Bild © Europäische Union – 2025
Das Jahr 2026 brach an in einer Welt, die wir nicht wiederzuerkennen glaubten. Eine Welt, die von Machtgefügen bestimmt wird. Zölle, massive Subventionen, Exportbeschrankungen, Verletzungen geistigen Eigentums – der internationale Wettbewerb war noch nie so unfair. Da die Handelsregeln neu definiert werden, haben wir keine Wahl mehr.
Ohne eine ambitionierte, effektive und pragmatische Industriepolitik ist die europäische Wirtschaft dazu verdammt, nur ein Spielfeld für ihre Konkurrenten zu sein. Die Risiken sind allgegenwärtig: die Gefährdung unserer Vorzeigeindustrien und unseres Know-hows; die Schrumpfung der globalen industriellen Präsenz Europas; das allmähliche Verkommen unseres Kontinents zu einer bloßen Produktionsstätte für externe Mächte.
Das dürfen wir nicht zulassen.
Aus diesem Grund hat die Europäische Kommission gemeinsam mit führenden europäischen Wirtschaftsvertretern seit über einem Jahr die Wettbewerbsfähigkeit wieder in den Mittelpunkt der geopolitischen Agenda Europas gerückt. Gemeinsam tun wir alles in unserer Macht Stehende, um den Zugang unserer Industrien zu Energie, Rohstoffen, Investitionen, Fachkräften und natürlich zu unserem Markt mit 450 Millionen Verbrauchern zu verbessern.
Und doch reicht das nicht aus. Die Zahlen sprechen für sich. Allein im letzten Jahr verzeichnete die Europäische Union beispielsweise ein Rekordhandelsdefizit von 350 Milliarden Euro gegenüber China.
Was können wir also tun?
Unsere Antwort lässt sich in drei Worten zusammenfassen, die den Vorteil haben, dass sie in jeder Sprache der Welt verstanden werden: „Made in Europe“. Die Chinesen haben „Made in China“, die Amerikaner haben „Buy American“, und die meisten anderen Wirtschaftsmächte haben ähnliche Programme, die ihren eigenen strategischen Sektoren den Vorzug geben.
Warum also nicht auch wir?
Jetzt ist es an der Zeit, dass Europa mehr produziert, und vor allem strategischer. Um unsere wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, müssen wir unsere wichtigsten Wertschöpfungsketten unterstützen und deren Risiken mindern.
Wir als wirtschaftliche und politische Führungskräfte müssen gemeinsam das tun, was wir bisher aus Angst, Ideologie oder Gewohnheit nie gewagt haben. Wir müssen ein für alle Mal eine echte europäische Präferenz in unseren strategisch wichtigsten Branchen etablieren.
Diese basiert auf einem sehr einfachen Prinzip: Wann immer europäische öffentliche Gelder eingesetzt werden, müssen sie zur europäischen Produktion und zu hochwertigen Arbeitsplätzen beitragen.
Unabhängig davon, ob es sich um eine öffentliche Ausschreibung, direkte staatliche Beihilfen oder eine andere Form der finanziellen Unterstützung handelt, muss das begünstigte Unternehmen einen wesentlichen Teil seiner Produktion auf europäischem Boden erbringen. Diese Logik müssen wir natürlich auch auf ausländische Direktinvestitionen anwenden.
Und wir werden sie auf „europäische Art“ anwenden. Das bedeutet ohne Bürokratie. Dabei werden wir die wirtschaftlichen Auswirkungen vorab prüfen, unsere vertrauenswürdigen internationalen Partner einbeziehen und das Völkerrecht einhalten.
Getreu unserer DNA werden wir für das notwendige Gleichgewicht sorgen zwischen der Wahrung der Offenheit Europas gegenüber seinen vertrauenswürdigen Partnern und der Förderung unserer Interessen, indem wir gleiche Wettbewerbsbedingungen mit unseren Konkurrenten gewährleisten und unsere Industrie, unser intellektuelles Kapital, unsere Arbeitskräfte und unsere Werte unterstützen und schützen.
Dies ist die Logik, die wir bei jeder Initiative verteidigen werden. Es ist ein Akt der wirtschaftlichen Unabhängigkeit, eine direkte Umsetzung des Draghi-Berichts, ein Aufruf zur klaren Bevorzugung all jener, die sich für Europa entscheiden.
Über den Aufruf
Der Text ist ein Aufruf, den neben Séjourné 1141 europäische CEOs, Wirtschafts- und Gewerkschaftsführer unterschrieben haben. Darunter auch Vertreter der Batteriewertschöpfungskette wie etwa Michael Ostermann, CEO von Varta.



