Bericht aus Brüssel: Europas Innovationsfähigkeit entscheidet sich in der Umsetzung

Bild: TraWeBa/ACOD

In Brüssel wurde zuletzt an mehreren Stellen deutlich, wie stark sich die europäische Wirtschafts- und Industriepolitik derzeit um eine zentrale Frage dreht: Wie gelingt es Europa, technologische Stärke schneller in industrielle Wertschöpfung, marktfähige Produkte und strategische Unabhängigkeit zu übersetzen?

Ein Beispiel dafür war ein von der European Innovation Council and SMEs Executive Agency und der Batteries European Partnership Association ausgerichtetes Treffen zu Energiespeicherlösungen. Im Mittelpunkt stand die Vernetzung von Batterie-Start-ups, mittelständischen Unternehmen, Investoren und europäischen Innovationsakteuren. Die Botschaft war eindeutig: Europas Batterieökosystem verfügt über starke Ideen, technologische Kompetenz und unternehmerische Dynamik. Entscheidend ist nun, ob diese Lösungen schneller skaliert, finanziert und in industrielle Anwendungen überführt werden können.

Genau hier liegt eine der großen industriepolitischen Aufgaben Europas. Strategische Energieautonomie entsteht nicht allein durch Forschungsexzellenz. Sie entsteht dort, wo neue Technologien den Weg vom Labor über Pilotanlagen in die Produktion und schließlich in europäische Wertschöpfungsketten finden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sowie junge Technologieunternehmen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie bringen häufig die Innovationen hervor, die Europas Batterie- und Speicherlandschaft nachhaltiger, resilienter und unabhängiger machen können. Damit daraus industrielle Stärke entsteht, brauchen sie Zugang zu Kapital, industriellen Partnern, geeigneten Förderinstrumenten und klaren Skalierungsperspektiven.

Künstliche Intelligenz als Wachstumstest für Europa

Diese Linie zog sich auch durch das Brussels Economic Forum. Philippe Aghion (Wirtschaftsnobelpreisträger 2025), der die diesjährige Tommaso Padoa-Schioppa Address hielt, ordnete die europäische KI-Debatte in einen größeren innovationsökonomischen Zusammenhang ein. Ausgangspunkt war die Idee der kreativen Zerstörung: Neue Technologien schaffen Wachstum, verdrängen aber zugleich bestehende Geschäftsmodelle, Produktionsweisen und Marktpositionen.

Genau darin liegt ein Kernproblem moderner Wirtschaftspolitik. Unternehmen brauchen Anreize, Risiken einzugehen und in Innovation zu investieren. Gleichzeitig darf wirtschaftliche Marktmacht nicht dazu führen, dass neue Ideen, neue Unternehmen und neuer Wettbewerb blockiert werden. Für Europa ist diese Diagnose besonders relevant. Der Kontinent verfügt über eine starke Forschungsbasis und ausgeprägte industrielle Kompetenz. Gleichzeitig fällt es Europa oft schwerer als den USA und zunehmend China, aus Forschung skalierende Unternehmen, disruptive Technologien und neue globale Marktführer zu entwickeln.

Aghions Hinweis auf die kreative Zerstörung ist deshalb mehr als eine theoretische Einordnung. Er beschreibt eine praktische industriepolitische Herausforderung: Europa muss Innovation ermöglichen, ohne bestehende Strukturen so stark zu schützen, dass neue Ideen und neue Anbieter zu wenig Raum bekommen. Zugleich braucht Europa eine Industriepolitik, die strategische Fähigkeiten aufbaut, den Zugang zu Schlüsseltechnologien sichert und die Skalierung europäischer Innovationen erleichtert.

Künstliche Intelligenz kann dabei zu einem wichtigen Wachstumstreiber werden. Ihr Produktivitätseffekt entsteht jedoch nicht automatisch. Entscheidend sind der Zugang zu Daten, Rechenleistung und digitalen Infrastrukturen, eine innovationsfreundliche Wettbewerbspolitik, die Verfügbarkeit von Fachkräften und die Fähigkeit, neue Technologien schnell in Unternehmen zu verankern. Aghion plädierte deshalb für eine Verbindung aus Wettbewerbspolitik und intelligenter Industriepolitik: Europa muss Wettbewerb ermöglichen, Marktkonzentration begrenzen und gleichzeitig gezielt in Rechenkapazitäten, KI-Diffusion und langfristige Forschung investieren.

Auch die OECD betont in ihren Arbeiten zu Künstlicher Intelligenz, dass Produktivitätsgewinne stark davon abhängen, wie schnell Unternehmen neue Technologien anwenden, wie gut digitale Infrastruktur verfügbar ist und ob Arbeit, Kapital und Wissen in produktivere Anwendungen umgelenkt werden können. Für die Industrie bedeutet das: KI wird erst dann wirtschaftlich relevant, wenn sie nicht nur in Pilotprojekten getestet, sondern in Entwicklung, Produktion, Qualitätssicherung, Wartung, Energiemanagement, Recycling und Lieferkettensteuerung angewendet wird.

Für die Batterie- und Mobilitätswirtschaft ist diese Debatte hochrelevant. KI ist nicht nur ein Thema für Softwareunternehmen. Sie kann Materialforschung, Zellchemie, Produktionsprozesse, Qualitätskontrolle, Anlagenbetrieb, Recycling, Batteriemanagement und industrielle Lieferketten verändern. Europas Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich daher nicht allein daran, ob neue Technologien erforscht werden. Entscheidend ist, ob sie schnell genug skaliert, industrialisiert und in belastbare Geschäftsmodelle überführt werden.

Bilbao Declaration: Europas Automobilregionen formulieren gemeinsame industriepolitische Position

Dass die europäische Industriepolitik nicht nur in Brüssel verhandelt wird, zeigte Ende Mai das High-Level Meeting der Automotive Regions Alliance in Bilbao. Auf Einladung des Baskenlands und des Europäischen Ausschusses der Regionen kamen europäische Automobilregionen, EU-Institutionen und zentrale Vertreter der Automobilwirtschaft zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Europas Automobil- und Zulieferregionen die Transformation der Branche aktiv mitgestalten können.

Ein zentrales Ergebnis des Treffens ist die Bilbao Declaration. Sie bündelt die gemeinsame Position der Automotive Regions Alliance zum Industrial Accelerator Act und zum Automotive Package. Damit gibt sie den Regionen eine gemeinsame Stimme in einer Phase, in der die europäische Automobilindustrie unter hohem Wettbewerbs-, Transformations- und Investitionsdruck steht.

Die Erklärung macht deutlich: Europas Automobilregionen unterstützen eine stärkere industrielle Dimension der Transformation. Der Industrial Accelerator Act wird als wichtiges Instrument gesehen, um europäische Wertschöpfungsketten zu stärken, strategische Abhängigkeiten zu verringern und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit regionaler Automobilökosysteme zu sichern. Gleichzeitig betont die Erklärung, dass neue industriepolitische Instrumente mit dem Automotive Package, dem Automotive Action Plan und dem bestehenden Regulierungsrahmen kohärent verzahnt werden müssen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Ansatz „Made in EU“. Die Automotive Regions Alliance unterstützt gezielte, verhältnismäßige und robuste europäische Anforderungen, sofern sie industrielle Kapazitäten in Europa stärken, regionale Ökosysteme unterstützen und die Resilienz der Wertschöpfungsketten erhöhen. Zugleich mahnt die Erklärung eine sorgfältige Ausgestaltung an: Rechtssicherheit, Planbarkeit und die Vermeidung unnötiger Bürokratie sind insbesondere für Zulieferer und kleine und mittlere Unternehmen entscheidend.

Auch technologisch setzt die Bilbao Declaration klare Akzente. Sie verweist auf die Bedeutung von industrieller Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, Batterietechnologien, Komponentenfertigung, Software, Halbleitern, vernetztem und autonomem Fahren sowie CO₂-armen Materialien. Damit zeigt die Erklärung, dass die Transformation der Automobilindustrie nicht allein eine Frage neuer Fahrzeuge ist, sondern die gesamte industrielle Wertschöpfungskette betrifft.

Für Batterie- und Mobilitätsakteure ist besonders relevant, dass die Regionen eine stärkere Einbindung in die Gestaltung und Umsetzung europäischer Industrie- und Investitionsinstrumente fordern. Die Botschaft aus Bilbao lautet: Transformation gelingt nicht abstrakt auf europäischer Ebene, sondern in den Regionen, in denen Wertschöpfung, Beschäftigung, Qualifizierung, Infrastruktur und industrielle Umsetzung zusammenkommen.

Damit fügt sich die Bilbao Declaration nahtlos in die aktuellen Brüsseler Debatten ein. Europa sucht nach Wegen, strategische Abhängigkeiten zu verringern, industrielle Kapazitäten aufzubauen und neue Technologien schneller in marktfähige Anwendungen zu überführen. Die Automobilregionen machen deutlich, dass sie dabei nicht nur betroffen sind, sondern aktiv mitgestalten wollen.

Die vollständige Bilbao Declaration ist auf der Website des Europäischen Ausschusses der Regionen abrufbar.

Fördermöglichkeit: Batterien der nächsten Generation für Mobilitätsanwendungen skalieren

Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen europäischen Förderaufrufe besonders relevant. Sie setzen dort an, wo Europas Innovationssystem beschleunigt werden muss: bei nachhaltigen Materialien, skalierbarer Produktion, neuen Zelltechnologien, industrieller Demonstration und der Integration in konkrete Anwendungen. Für Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Konsortien aus der Batterie- und Mobilitätswirtschaft lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die neuen Calls.

Mit dem Call „Integrated Production and Product Development for Next-Generation Lithium-based Batteries for Mobility“ fördert die EU die industrielle Weiterentwicklung lithiumbasierter Batterien der nächsten Generation für konkrete Mobilitätsanwendungen. Im Mittelpunkt steht der Schritt von Zellprototypen hin zu skalierbarer Pilotfertigung und zur Integration auf Modul- und Packebene. Unterstützt werden insbesondere Ansätze zu semi- und all-solid-state Batterien sowie weiteren lithiumbasierten Batteriekonzepten jenseits der heutigen Generation 3.

Gefördert werden Projekte, die eine strategisch relevante Verkehrsanwendung adressieren. Im Fokus stehen Automotive, Luftfahrt, Schiene oder Wasserverkehr. Die Projekte sollen dabei die gesamte Entwicklungskette abdecken: von der Produktion zentraler Zellkomponenten über neue Zellkonzepte, Fertigungsanlagen und Automatisierung bis hin zur Demonstration von Modulen und Packs in Fahrzeugen oder relevanten Einsatzumgebungen.

Besonders wichtig sind skalierbare und automatisierte Produktionsprozesse. Dazu gehören unter anderem die Integration von Anoden- und Kathodenmaterialien mit Elektrolyten der nächsten Generation, flexible Hochdurchsatzverfahren für die Zellproduktion, neue Fertigungsmaschinen sowie Sensorik, Batteriemanagementsysteme und Sicherheitskonzepte für die Systemintegration. Die Vorhaben müssen dabei belastbare Leistungskennzahlen definieren, etwa zu volumetrischer und gravimetrischer Energiedichte, Leistungsdichte, C-Rate, Zyklenzahl und Kosten unter realen Betriebsbedingungen.

Ziel ist es, Europas Wettbewerbsfähigkeit bei Batterietechnologien der nächsten Generation zu stärken und die europäische Wertschöpfungskette auszubauen. Der Call verbindet Batterieforschung mit industrieller Produktion, Maschinenbau, Automatisierung und anwendungsnaher Demonstration. Damit richtet er sich besonders an Konsortien, die nicht nur neue Zelltechnologien entwickeln, sondern auch deren Herstellbarkeit, Skalierbarkeit, Sicherheit und wirtschaftliche Tragfähigkeit nachweisen können.

Der Call ist Teil der europäischen Batteriepartnerschaft BATT4EU und der Partnerschaft Made in Europe. Er trägt zugleich zum industriellen Aktionsplan für den Automobilsektor bei. Die Vorhaben sollen bis Projektende einen technologischen Reifegrad von TRL 6–7 erreichen.

Fazit: Von Strategie zu Skalierung

Die aktuellen Debatten in Brüssel und Bilbao zeigen eine gemeinsame Richtung: Europa muss schneller darin werden, technologische Stärke in industrielle Wirkung zu übersetzen. Ob Künstliche Intelligenz, Batterietechnologien, nachhaltige Materialien oder neue Mobilitätsanwendungen – entscheidend ist nicht allein die Forschung, sondern die Fähigkeit zur Skalierung.

Für die Batterie- und Mobilitätswirtschaft bedeutet das: Die kommenden Jahre werden davon geprägt sein, wie gut europäische Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Regionen und Investoren zusammenarbeiten. Wettbewerbsfähigkeit entsteht dort, wo Innovation, industrielle Umsetzung, Finanzierung und europäische Wertschöpfungsketten zusammenkommen. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Europa seine technologische Souveränität stärken und seine Rolle in der globalen Transformation der Mobilitäts- und Energiewirtschaft ausbauen kann.

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