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Es ist Dezember und bald ist Weihnachten – ein guter Zeitpunkt, um Wünsche zu formulieren, Mut und Zuversicht zu spenden und einen Forecast auf 2026 und die Zukunft der Batterie-Industrie in Europa zu wagen.
Im monatlichen Interview unseres Newsletters wollen wir genau diese Thematik mit Ilka von Dalwigk aufgreifen und ein spannendes Gespräch führen. Sie ist als Generaldirektorin von RECHARGE europäisch sehr gut vernetzt und eine der wichtigen Personen in der Batteriebranche unserer Zeit und für unsere Region. Frau von Dalwigk, als Generaldirektorin von RECHARGE sind Sie eine oder besser die Instanz, wenn es um die Zukunft der Batteriewirtschaft auf europäischer Ebene geht.
Was genau ist RECHARGE und wie beurteilen Sie die Chancen für die EU im Batteriesektor?
„RECHARGE ist ein agiler Branchenverband für fortschrittliche wiederaufladbare Batterien und für Lithiumbatterien in Europa, der alle Schritte der gesamten Batteriewertschöpfungskette repräsentiert. Die Batteriewirtschaft ist eine verantwortungsvolle Branche. Wir kümmern uns daher auch um Themen wie Batteriesicherheit, Materialbeschaffung, um die Abfallwirtschaft, um Umweltthemen und wir übernehmen soziale Verantwortung. Wir verstehen uns als führende Stimme der Wertschöpfungskette Batterie in Europa. Und um es gleich zu Beginn ganz klar zu formulieren: Die Batteriebranche in Europa hat eine Zukunft, wenn wir uns gemeinsam und nicht jeder für sich darum kümmern. Wir glauben daran, dass sich Europa seinen Platz in der Welt zurückholen wird.“
Wie lange gibt es RECHARGE bereits und worauf setzen Sie Ihre Schwerpunkte?
„Uns gibt es seit 1998. Als europäischer Verband für wiederaufladbare und Lithiumbatterien in Europa fördert RECHARGE die Entwicklung und die Produktion wiederaufladbarer Batterien wie Lithium- Zink-, Natrium- oder Nickelbatterien der nächsten Generation. Unsere einzigartige Mitgliedschaft wird nicht nur durch die wichtigsten Batteriehersteller Europas bestimmt, sondern umfasst alle Aspekte der Batterieindustrie wie:
- Lieferanten von Primär- und Sekundärrohstoffen für die Batterieindustrie
- Hersteller von wiederaufladbaren Akkus
- Hersteller von Originalgeräten (OEMs)
- Logistische Partner
- Batterie-Recycler
- Weitere verwandte Organisationen.
Als Expertenpartner für alle technischen und legislativen Themen im Zusammenhang mit fortschrittlichen wiederaufladbaren Batterien und für Lithiumbatterien arbeitet RECHARGE eng mit anderen Batterieverbänden sowie mit verwandten Laboren und Instituten in Europa und auf internationaler Ebene zusammen.“
Bevor wir uns mehr dem gemeinsamen Handeln in Europa zuwenden, noch kurz nachgehakt: Welche Bedeutung messen Sie der Batteriebranche in Europe insgesamt bei?
„Sie haben ja bereits und zurecht die Batterie als den Know-how Träger der Zukunft in der Automobilbranche bezeichnet. Die Batterieindustrie hat in den vergangenen Jahren bereits tausende von Arbeitsplätzen in Europa geschaffen und das soll erst der Anfang sein. Menschen aus der Entwicklung und Batterieherstellung, dem Bergbau und der Produktion, in der „RD&I“* und in der Abfallbehandlung haben eine neue Zukunft gefunden. Die Batteriebranche hat das Potenzial einer zukunftsweisenden Schlüsselindustrie und das nicht nur für den Automobilbau, sondern weit darüber hinaus. Im Mittelpunkt stehen modernste wiederaufladbare Akkus oder Batterien, ganz wie Sie wollen. Wir müssen die Batteriewirtschaft in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen. Der europäische Haushalt wird in diesen Tagen entschieden. Wir nehmen direkt Einfluss in Brüssel und werben für unsere Branche und wir machen klar, dass es die Batteriewirtschaft in Europa zwar bereits gibt, aber dass wir dringend langfristig angelegte Unterstützung benötigen. Wir sind gerade erst am Anfang.“
Geht es noch etwas genauer?
Die Rolle moderner wiederaufladbarer Batterien in Europa wird an folgenden Zahlen deutlich:
- 75 GW an lithiumbasierten Batterien – das entspricht 30 neuen Kohlekraftwerken (2018) – sind bereits im Einsatz.
- Rund 95% der in Batterien verwendeten Metalle werden schon heute recycelt, auch für lithiumbasierte Technologien – ein Großteil davon in Europa.
- Etwa 325 Millionen Menschen sind dank ihrer batteriebetriebenen Smartphones international vernetzt (2018).
- Auf die E-Autos heruntergebrochen fallen 50% weniger CO2-Emissionen bei batteriebetriebenen Autos im Vergleich zu einem vergleichbaren Benzinauto im Lebenszyklusbasis.
Im internationalen Wettbewerb und für unseren eigenen europäischen Bedarf reicht das aber längst nicht aus. Wenn wir nicht schnell reagieren, werden uns die Wettbewerber beispielsweise aus Asien aus dem Spiel nehmen. Das das nicht passiert, dafür gibt es uns und dafür müssen wir alle viel enger zusammenstehen.
Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Batteriebranche in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft und Rezyklate?
Hier geht es konkret um den Zugang zu Material, zu Rohstoffen, die wir nicht selbst haben und über den Recyclingprozess wieder für die Produktion zugänglich machen müssen. Gegenwärtig lebt Europa noch von den Ausschussprodukten. Später wird es mehr und mehr um die Wiederaufbereitung der Materialien benutzter Batterien gehen. Frühere Prognosen gehen nicht mehr auf, weil die heutigen Batterien einfach besser sind, als ursprünglich angenommen und daher deutlich länger im Einsatz sind. Die Technik hält einfach länger – das ist prinzipiell eine gute Nachricht, aber es fehlt am Ende an Rohstoffen für neue Batterien.
Zurückkommend auf die Rezyklate, wo sehen Sie unsere Herausforderungen, um dem Rohstoffdilemma zu entkommen?
„Neben der Gewinnung eigener neuer Ressourcen, ich denke hier beispielsweise an den zukünftigen Lithiumabbau im Erzgebirge, wird die Regulierung des Umgangs mit der sogenannten „Black mass“, also den Rezyklaten, an Bedeutung gewinnen. Das Wenige, was wir heute in Europa zurückgewinnen, wird durch einen Handelsvorteil auf der Basis günstigerer Herstellkosten und Überkapazitäten in Asien durch bessere Einkaufspreise asiatischer Händler aus Europa nach Asien umgeleitet. Damit fehlt es uns selbst. Das ist kein Vorteil für Europa. Wie soll es also mit der Black mass weitergehen? Es gibt dazu viele Ansätze. Das Know-how zur Gewinnung ist bekannt. Eventuell gelingt es, durch die Einstufung der Rezyklate als „gefährlichen Abfall“ den Transfer nach Asien zu beschränken. Klar ist aber, Ohne einen effizienten Recyclingprozess können wir die Batteriewirtschaft zukünftig nicht erfolgreich gestalten. Es braucht Gemeinsamkeit und gesamteuropäische Aufmerksamkeit.“
Entspricht die Batterieverordnung dem Ansinnen von RECHARGE auf europäischer Ebene?
„Die Batterieverordnung ist eine gute und wichtige Sache und bedeutsam für die Kreislaufwirtschaft beispielsweise für die Rezyklatquoten. Sie ist aber noch nicht umgesetzt. Dazu muss noch einiges entwickelt werden. So gibt es beispielsweise noch eine angeregte Diskussion zum Carbon Footprint. Ein Kompromiss macht am Ende alle unzufrieden. Jetzt braucht es noch viel mehr Tempo, um eine umsetzbare und für alle tragfähige Lösung zu finden, und zwar schnell.“
Kommen wir nun zum Thema europäische Zusammenarbeit. Wie wollen Sie die Branchen und deren länderbezogenen Netzwerke zusammenführen und was versprechen Sie sich davon?
„Wir wollen und müssen gemeinsam handeln, um souverän und in der TOP Liga der Batteriewirtschaft weltweit mitzuspielen. Europa verfügt über alle Voraussetzungen, um eine führende Rolle einzunehmen. Moderne Batterie-Technik, Forschung und Entwicklung auf Weltniveau, bestens ausgebildete Fachkräfte und ein starkes technisches Know-how sind zu wertvoll, um daraus nicht eine Leadfunktion abzuleiten. Wir haben daher im Oktober 2025 gemeinsam mit dem BEPA, der Stimme für europäische Innovationen entlang der Batteriewertschöpfungskette, eine neue Plattform für gemeinsames Handeln geschaffen. „A Battery Deal for Europe“ ist ein Aufruf zum Mittun. Es ist ein Planungsansatz für die gemeinsame europäische industrielle Erneuerung und die führende Rolle im weltweiten Klimaschutz. Wir wollen nicht nur die industriellen Themen im Fokus behalten, sondern uns ganz bewusst daran machen, ein Batterie-Ökosystem zu schaffen, das auch die Beschäftigungspotentiale, die Innovationstätigkeit und das langfristige industrielle Wachstum für zukünftige Generationen im Auge behält.“
Was geben Sie uns für 2026 ganz konkret mit auf den Weg?
„Die Europäische Batterie-Industrie steht an einem kritischen Punkt. Der internationale Wettbewerb ist sehr aktiv und auch aggressiv. Wir brauchen einen gemeinsamen Handlungsrahmen, gemeinsame Aktionen und auf diese Thematik ausgerichtete politische Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene. Ohne eine gemeinsame Handlungsmaxime werden unsere Chancen im internationalen Wettbewerb gering sein. Für die Automobilbranche wäre das fatal. „A Battery Deal für Europe“ ist genau die richtige Antwort zur richtigen Zeit. Das Projekt stützt sich auf vier Säulen:
- Innovation (Entwicklung entlang der gesamten Wertschöpfungskette)
- Produktion (Aufbau braucht Zeit – Unterstützung mit öffentlichen Mitteln
unabdingbar) - Beschaffung (Lokalisierung in und nach Europa – auch Know-how Transfer
nach Europa) - Sicherheit (strenge Handelsrichtlinien, um Dumping und unfaire
Mechanismen auszuschließen)
„Ich appelliere daher an alle Leserinnen und Leser, unsere Plattform zu unterstützen und dafür zu werben. Koordiniertes Handeln auf europäischer Ebene mit direktem Draht zur Europäischen Nation ist unsere einzige Chance für ein funktionierendes und wettbewerbsfähiges Batterieökosystem als Basis auch für die Zukunft der europäischen Automobilwirtschaft. Wir brauchen den internationalen Transfer von Wissen und Technologie. Wir müssen dringend schneller werden und wir müssen voneinander lernen. Von allem bitte mehr, wenn Sie mir diesen Weihnachtswunsch gestatten. 2026 können wir alle gemeinsam viel erreichen. Haben Sie Mut und lassen Sie uns gemeinsam für ein Europa der Batteriewirtschaft und Elektromobilität einstehen und werben.“
*RD&I: Research, Development & Innovation



