Bild © Fraunhofer FFB
Es ist ein echter europäischer Meilenstein und ein Novum zugleich. Den Forschern der Münsteraner Fraunhofer-Einrichtung „Forschungsfertigung Batteriezelle FFB“ ist es gelungen, ihre erste elektrisch funktionsfähige Lithium-Ionen-Batteriezelle zu produzieren. Damit wurde eine durchgängige Prozesskette realisiert, die mit ausschließlich europäischer Anlagentechnik bis zur geladenen Pouchzelle hergestellt wurde. Was es damit auf sich hat und was sich hinter der Fraunhofer-Einrichtung FFB steckt, dazu haben wir uns mit Prof. Dr. rer. nat. Jens Tübke ausgetauscht, der zur Institutsleitung gehört.
Herr Prof. Tübke, am 15. Dezember haben Sie eine Presseinformation veröffentlicht, in der von einem Europäischen Meilenstein in der Batteriezellproduktion die Rede ist.
Was genau steckt dahinter?
Der Clou ist tatsächlich die Durchgängigkeit in der Prozesskette der Batteriezellherstellung unter Nutzung ausschließlich europäischer Anlagentechnik – von der Elektrodenherstellung bis zur geladenen Zelle. Für uns Europäer ist das insofern besonders wertvoll, da die Abhängigkeit von Batteriezellen aus Asien unsere Position im internationalen Wettbewerb maßgeblich schwächt. Wir brauchen eigenes Know-how, um Wettbewerbsvorteile für die europäische Wirtschaft zu generieren und nicht immer nur hinterherzulaufen. Mit den in Münster entstehenden Forschungsfabriken werden wir europäische Geschichte schreiben. Die Pilotline in der ersten Forschungsfabrik („FFB PreFab“) ist angelaufen und auf dem Abschnitt für die zweite Forschungsfabrik „FFB Fab“, die am Ende einer Gigafabrik gleichen wird, wird bereits seit Oktober 2025 gebaut.
Was müssen wir uns unter einer Forschungsfabrik genau vorstellen?
Eine Forschungsfabrik ist eine realitätsnahe Produktionsumgebung, die den Betrieb einer Batteriefabrik abbildet. In dieser Umgebung werden Forschungsergebnisse aus dem Labor unter industriellen Bedingungen erprobt und für die praktische Anwendung nutzbar gemacht. In der „FFB PreFab“ betreiben wir eine vollständig digitalisierte Prozesskette für die Fertigung von Pouch- und prismatischen Zellen – von der Wareneingangskontrolle im Labor bis zur formierten Batteriezelle. Dabei passen wir jeden Schritt individuell an die Anforderungen unserer Kunden und ihrer Entwicklungsziele an. Die Fraunhofer FFB fungiert dabei als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Technologien aus dem Labor sollen skaliert und in die wirtschaftliche Anwendung transferiert werden. Zu diesem Zweck stellen wir eine Forschungsinfrastruktur zur Verfügung, in der sowohl kleine und mittlere Unternehmen (KMU), als auch Großunternehmen und Forschungseinrichtungen Produktionstechnologie für die Batteriezellen in einer digitalisierten, flexiblen und modularen Fertigungsumgebung erproben, umsetzen und optimieren können.
Was kann die Fraunhofer FFB für die deutsche Batteriewirtschaft leisten?
Die Fraunhofer FFB leistet einen zentralen Beitrag zur Stärkung der deutschen Batteriewirtschaft, indem sie die industrielle Entwicklung und Fertigung von Batteriezellen in Deutschland vorantreibt. Sie ist eine Art Keimzelle der eigenständigen europäischen Batteriezellentwicklung und -fertigung, in der die Kernkompetenzen der deutschen Industrie (Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau, Spezialchemie zur Entwicklung neuer Materialien) zusammengeführt werden. Darüber hinaus demonstriert die Fraunhofer FFB auch Produktions- und Betriebskonzepte eines Fabrikbetriebs und trägt so dazu bei, die Batterie »Made in Germany« wettbewerbsfähig machen. Zudem leistet die Fraunhofer FFB einen wichtigen Beitrag bei der Ausbildung dringend benötigter Fachkräfte – besonders hier in Deutschland.
Woher kommen die Mittel für das immens wichtige Vorhaben?
Die Infrastruktur der Fraunhofer FFB wird in zwei Bauabschnitten errichtet. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) investiert bis zu 750 Millionen Euro in den Aufbau des Forschungsbetriebs der Fraunhofer FFB und stellt so sicher, dass die notwendigen finanziellen Mittel für den Aufbau der Fraunhofer FFB bereitstehen.
Das Land Nordrhein-Westfalen investiert rund 320 Millionen Euro in die Grundstücke und Forschungsgebäude – NRW ist in dem Großprojekt für den Aufbau und die Finanzierung der Gebäude zuständig, das BMFTR für die zielgerichtete Bereitstellung der Infrastruktur im Gebäude, einschl. der Finanzierung der für den Betrieb notwendigen Rein- und Trockenräume. Größte Zuwendungsnehmerin und Konsortialführerin des Großprojekts ist die Fraunhofer-Gesellschaft. Diese realisiert das Projekt gemeinsam mit weiteren Standortpartnern.
Über welche Dimensionen sprechen wir hier?
Der erste Bauabschnitt »FFB PreFab« mit mehr als 3000 Quadratmeter Forschungsfläche bietet eine Fertigungsumgebung im Pilotmaßstab und wurde bereits im Frühjahr 2024 eröffnet. Der zweite Bauabschnitt (»FFB Fab«) befindet sich im Bau und dieser kommt gut voran. Die »FFB Fab« wird auf rund 20.000 Quadratmetern Grundfläche Produktionsforschung im Gigafactory Maßstab für die Wissenschaft und die Industrie gleichermaßen ermöglichen.
Was können Sie potenziellen Interessenten bieten?
Wir unterstützen unsere Partner dabei, ihre Ideen erfolgreich in den Markt zu überführen. Dafür verbinden wir anwendungsbezogene Produktionsforschung mit gezieltem Technologie- und Innovationsmanagement. So helfen wir dabei, Marktchancen zu identifizieren, Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Wenn Sie so wollen, vereinen wir Erfolgsfaktoren. Unser interdisziplinäres Team verbindet starke Methodenkompetenz mit umfassender Batterie-Expertise. Wir begleiten unsere Partner in Münster oder gern auch direkt in deren Unternehmen. Das Angebot der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle FFB richtet sich sowohl an Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau und der Zellfertigung als auch an Integratoren von Lithium-Ionen-Batteriezellen, die ihre Produkte auf Grundlage neuester Zelltechnologien weiterentwickeln möchten.
Wo sehen Sie die Einzigartigkeit der FFB, insbesondere wenn wir auf die Situation in der deutschen Automobilwirtschaft schauen?
Die Batterie ist mit Blick auf die technologische Souveränität Deutschlands und Europas eine herausragende Schlüsseltechnologie – für klimaneutrale Mobilität und Energieerzeugung gleichermaßen. Die Hightech Agenda Deutschland hat das Ziel, bis 2035 eine wettbewerbsfähige Batterieproduktion und -kreislaufführung in Deutschland aufzubauen, eingebettet in ein europäisches Produktionsnetzwerk. Ohne eine eigenständige europäische Zellfertigung mit europäischer Anlagentechnik, eigene europäischem Forschungs-Know-how und exzellenter Fachkräfte, ist das nicht möglich. Und genau an dieser Stelle setzt die Fraunhofer FFB an.
Als Bindeglied zwischen Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft ist es unser Ziel, eine Forschungsinfrastruktur zur ökologischen und ökonomischen Batteriezellproduktion zu errichten. Dadurch soll der Innovations- und Kommerzialisierungsprozess von Produktionstechnologien für bestehende und zukünftige Zellformate beschleunigt werden. Die Schwerpunkte unserer Arbeit versammeln sich in allen Bereichen rund um die Batterie(-fertigung): von der Batterietechnologie und Zertifizierung neuer Batterietypen über die Prozessoptimierung bei der Produktion bis hin zur Anwendung, dem Batterierecycling und Weiterbildungsmöglichkeiten. Wir bieten Skalierbarkeit, Reproduzierbarkeit und Qualität in der Batteriezellfertigung. Die Transformation der Batterie- und Automobilindustrie ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die nur im engen Zusammenspiel von Industrie, Wissenschaft und Politik gelingen kann. Die Fraunhofer FFB versteht sich dabei als offene Plattform für Zusammenarbeit und Austausch. Wir laden Unternehmen, Forschungseinrichtungen und weitere Partner ausdrücklich ein, diesen Weg gemeinsam mit uns zu gestalten und die Zukunft der Batteriezellproduktion in Deutschland und Europa aktiv mitzuprägen.Sie haben uns mit dem ersten Interview 2026 einen guten und optimistischen Auftakt für unser aller Arbeit gegeben. Motivierende Worte, die Hoffnung auf eine gute Zukunft der Deutschen Batteriewirtschaft vermitteln. Ihnen, Ihrem Team und allen Konsortialpartnern viel Erfolg dabei.



