Interview mit Michiel Scheffer, Präsident des European Innovation Council

Bild © European Innovation Council

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Wir bleiben auch mit unserem zweiten Interview in diesem Jahr auf europäischer Ebene. Unser Interviewpartner kommt diesmal aus den Niederlanden und wünscht sich, dass das Interesse an europäischer Finanzierung von Innovationsprojekten zunimmt und die Möglichkeiten, die die EU unseren Unternehmen und Gründern im Batteriesektor bietet, noch viel besser in Anspruch genommen werden. Es ist uns eine große Ehre, mit Dr. Michiel Scheffer, den Präsidenten des European Innovation Council (EIC), als Gesprächspartner gewonnen zu haben. In dieser Funktion ist er mit dem Thema bestens vertraut und kann vielen unserer Leser wertvolle Orientierung geben.

Herr Dr. Scheffer, Sie werben ganz bewusst für eine stärkere Förderung, um auf breiter Ebene und ganz gezielt europäische Zukunftsprojekte in den Fokus zu rücken. Warum ist für Sie die Batteriebranche so wertvoll? 

In den letzten drei Jahrzehnten hatte ich viele Gelegenheiten, mich mit Unternehmern ganz unterschiedlicher Branchen zu vernetzen, deren Visionen kennenzulernen und auszuloten. Es ging mir darum, was Europa in den kommenden Jahrzehnten für die internationalen Märkte wertvoll macht. Der Automobilbau ist eine unserer Schlüsselindustrien und dabei, seine Führungsrolle im internationalen Maßstab zu verspielen. Die Entwicklung und Produktion von Batteriezellen und Batteriemodulen spielt dabei eine immens wichtige Rolle. Im E-Fahrzeug übernimmt die Batterie die Rolle, die der Antriebsblock bei den Verbrennern innehatte. Das war einer der Wettbewerbsvorteile Europas. Diese Position müssen wir uns im Bereich der Batterien wieder zurückerobern und ich bin davon überzeugt, dass genau das mit den europäischen Möglichkeiten und Kompetenzen auch gelingen kann. An den dafür notwendigen Entscheidungen und Mitteln darf es nicht fehlen. Dafür setze ich mich ein. 

Sie besitzen ein sehr beachtliches Netzwerk in der Forschungs- und Innovationswelt und sind seit 2000 selbst Gründer und CEO von Polisema BV, die als Berater und Investor für Start-ups unter anderem auch im Bereich Energiespeicherung tätig sind. Was müssen wir tun, um dieses Netzwerk anzuzapfen und davon zu profitieren?

Ich denke, vielen Unternehmern ist schlicht nicht bewusst, welche Chancen auf europäischer Ebene zur Verfügung stehen. Es lohnt sich in jedem Fall, sich damit zu beschäftigen und vorhandene Netzwerke auf nationaler Ebene zu nutzen. Die EU hat längst erkannt, dass die Batteriebranche nur auf europäischer und nicht wie bisher ausschließlich auf nationaler Ebene erfolgreich entwickelt werden kann. Die Bedeutung der Energiespeicherung – nicht nur im Automobil – ist für die erneuerbaren Energien immens groß und wir stehen hier tatsächlich noch ganz am Anfang. Daher werden die Möglichkeiten europäischer Förderungen in der Forschung, Produktion und aller damit verbundenen Branchen ständig weiter vorangebracht. Wir müssen das alle gemeinsam noch viel stärker kommunizieren und dafür werben.

Sie sind auch ein sehr geschätzter Regionalpolitiker und haben als Regionalminister in Gelderland viel für junge und innovative Unternehmen getan. Heute leiten Sie den European Innovation Council und können so über die Erfahrungen in der Wirtschaft berichten und wertvolle Hinweise absetzen, die die europäische Wirtschafts- und Forschungs-Politik weiter voranbringen. Was wünschen Sie sich von uns, den Verbänden, den Netzwerken und Projektteams und von jungen Unternehmen, die diese Herausforderung erkennen und annehmen?

Ich denke, es ist vielen Politikern noch nicht vollumfänglich bewusst, welches Rad wir drehen müssen, um bei der zukünftigen Energiespeicherung erfolgreich vorangehen zu können. Ohne effektive und smarte Speichermedien kann der Wandel zu erneuerbaren Energien nicht vollumfänglich gelingen. Dazu gibt es aber keine seriöse Alternative. Und daher müssen wir alle gemeinsam Inputgeber sein. Es muss uns gemeinsam gelingen, dass auch der letzte Politiker besonders auf europäischer Ebene versteht, wie wichtig eine gezielte und dauerhafte Unterstützung der Batteriewirtschaft wirklich ist. Dabei kommt es darauf an, die Ideen und die Unternehmen bis zur erfolgreichen Marktreife zu führen und nicht nur eine Startfinanzierung anzubieten. 

Könnten Sie erläutern, wie die EIC-Förderung funktioniert, insbesondere im Verhältnis zu den Fördermöglichkeiten des ERC und was das für die praktische Umsetzbarkeit von Forschungsergebnissen bedeutet?

Der European Innovation Council, kurz EIC, ist darauf ausgerichtet, Ideen aus dem Labor in reale Innovationen und in den Markt zu überführen. Er bietet drei zentrale Förderinstrumente entlang unterschiedlicher Stufen technologischer Reife: Pathfinder für frühe Forschungsphasen auf niedrigem Technology Readiness Levels, in der Regel TRL 1 bis 3/4, Transition für die Weiterentwicklung von Ergebnissen hin zu Proof of Concept, Validierung und früher Geschäftsplanung, meist im Bereich von TRL 4 bis 6, sowie Accelerator für spätere Innovations- und Skalierungsphasen, von TRL 6 bis 8/9. Der Accelerator richtet sich speziell an kleine und mittlere Unternehmen, sodass Projekte beispielsweise aus der Transition-Förderung in die Gründung oder das Wachstum eines KMU übergehen und dort weiterentwickelt werden können.

Genau hier wird die Verbindung zum European Research Council, kurz ERC, besonders relevant. Die ERC-Förderung ist im exzellenzorientierten Teil von Horizon Europe angesiedelt und unterstützt in erster Linie die Spitzenforschung. In diesem Zusammenhang ist insbesondere der ERC Proof of Concept Grant wichtig, weil er Forschern ermöglicht, zu prüfen, ob ihre wissenschaftlichen Ergebnisse praktische oder industrielle Anwendungen haben könnten. Lässt sich dieses Potenzial nachweisen, kann daraus eine starke Brücke zum EIC entstehen.

In der Praxis bedeutet das, dass Forscher von der Exzellenzsäule in die Innovationssäule von Horizon Europe wechseln können. Starke Ergebnisse aus ERC-geförderter Forschung, insbesondere wenn sie durch einen ERC Proof of Concept unterstützt werden, können Antragstellern helfen, einen überzeugenden Fall für eine Förderung durch den EIC aufzubauen. In manchen Fällen kann dies sogar den direkten Einstieg in die Transition-Phase ermöglichen. Allgemeiner betrachtet kann die Förderung im Rahmen von Horizon Europe Projekten helfen, jene Nachweise zu erbringen, die notwendig sind, um Umsetzungspotenzial aufzuzeigen, was im derzeitigen System immer stärker an Bedeutung gewinnt.Das markiert einen wichtigen Wandel gegenüber früheren Programmen wie FET Open (Future Emerging Technologies), die häufig sehr ambitionierte Forschung ohne klaren Weg in die Anwendung gefördert haben. Beim EIC liegt der Schwerpunkt deutlich stärker auf Umsetzung, gesellschaftlichem Nutzen und dem Potenzial, Innovationen in den Markt zu bringen. Forscher sind daher aufgefordert, sehr viel früher über Wirkung und Anwendung nachzudenken.

Sie arbeiteten inzwischen mit über 20 Universitäten und mehr als 200 Partnern in der EU an großen F&E-Projekten zusammen und sind Autor von über 100 Publikationen. Was raten Sie den Mitgliedern bei TraWeBa?

TraWeBa ist aus meiner Sicht bereits ein gut funktionierendes und deutschlandweit agierendes Netzwerk mit Kontakten in die europäischen Länder und in das Europäische Parlament. Mir ist auch aufgefallen, dass die Vernetzung mit den Forschern und Entwicklern sehr gut integriert ist. Mit TraWeBa kann oder besser muss es gelingen, die Implementierung der Batteriebranche für die Automobilindustrie und die Energiewirtschaft voranzubringen. Eine Transformation dieses Ausmaßes erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Batteriehersteller brauchen einen Innovationsschub, zugleich aber auch ein regulatorisches Umfeld, das neuen Lösungen die Skalierung ermöglicht. Sobald die Innovation bereit ist, müssen Regulierung und Marktdesign ihre Einführung unterstützen. Wenn Europa neue Batterietechnologien erfolgreich entwickeln will, darf sich der Einsatz nicht allein auf die Technologie beschränken; er muss auch Regulierung und Industriepolitik umfassen.

Wir müssen Unternehmen dabei unterstützen, Batterien mit geringerer Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen und Chemien zu entwickeln, die Kosten senken können. Gleichzeitig sollten politische Instrumente europäische Hersteller unterstützen und Anreize schaffen, die Kostenlücke zu schließen, insbesondere durch eine Senkung der Produktionskosten. Natriumbasierte Batterien könnten in diesem Zusammenhang ebenfalls interessant sein, da sie die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen verringern könnten.Kurz gesagt: Wenn Europa im Bereich der Batterien für Elektrofahrzeuge wirksamer konkurrieren will, braucht es einen stärkeren regulatorischen und industriepolitischen Rahmen, niedrigere Produktionskosten, etwa durch eine Senkung der Mehrwertsteuer, Anreize für alternative Chemien und faire Wettbewerbsbedingungen im globalen Wettbewerb. Besteuerung, Lohnnebenkosten und Zölle sind wichtige politische Hebel, die größere Aufmerksamkeit verdienen.

Haben Sie Ratschläge für Innovatoren und Unternehmer speziell was die Skalierbarkeit anbetrifft?

Preisgestaltung und Marktfähigkeit des Endprodukts sind wichtige Aspekte, die Forscher und Innovatoren frühzeitig berücksichtigen sollten. Wenn für das Endprodukt kein tragfähiger Markt besteht, ist es schwer zu rechtfertigen, es weiterzuverfolgen – gegenüber Investoren ebenso wie gegenüber öffentlichen Fördermittelgebern.

Innovatoren, die in den Batteriemarkt eintreten wollen, können davon profitieren, zunächst in einem Nischensegment zu beginnen, in dem der Wettbewerb weniger intensiv ist. So können sie eine Innovation zunächst in den Markt bringen, bevor sie sich größeren Anwendungen zuwenden. Einen möglichen Weg stellen Dual-Use-Technologien, bei denen eine erfolgreiche verteidigungsbezogene Anwendung später zivile Geschäftsmöglichkeiten eröffnen kann, wie etwa beim GPS. Regionale Innovatoren stehen in diesen Märkten im Allgemeinen auch in geringerem Wettbewerb mit Anbietern aus dem Ausland. Eine weitere potenzielle Nische ist die Luft- und Raumfahrt, in der Kostenzwänge oft weniger streng sind als bei Anwendungen für den Massenmarkt.

Was die Start-ups betrifft, ist die Erfolgsquote bei der Skalierung gering, vor allem weil viele KMU nur begrenzte Erfahrung mit industrieller Skalierung haben. Ein möglicher Weg, die Erfolgsaussichten zu verbessern, besteht darin, KMU mit technologischen Plattformen zusammenzubringen, sei es im öffentlichen Bereich oder innerhalb von Unternehmen, die über qualifizierte Fachkräfte und bestehende Infrastruktur verfügen.

Ein solches Modell könnte KMU helfen, Pilotlinien effizienter zu entwickeln, Kosten und Risiken zu senken und doppelte Investitionen in bereits vorhandene Anlagen zu vermeiden.Dadurch könnten wertvolle Partnerschaften zwischen Automobilzulieferern mit Erfahrung in der Skalierung und KMU entstehen, die an neuartigen Batteriechemien arbeiten. Das Cluster „Tecnologico Nazionale Fabbrica Intelligente“ in Italien bietet ein ähnliches Modell.

Haben Sie Ratschläge für Unternehmen, die selbst im Wandel sind und sich dem Thema Energiespeicherung verschrieben haben?

Im Vergleich zu Batterien für Elektrofahrzeuge bietet der Bereich der Langzeitspeicherung von Energie (LDES) mehr Handlungsspielraum. Innovatoren und Unternehmen, die einen Einstieg in die Batteriewertschöpfungskette erwägen, sollten sich deshalb auch mit diesem Bereich befassen. LDES ist ein stark wachsendes Feld, nicht zuletzt wegen der aktuellen geopolitischen Lage und der Rolle, die solche Systeme dabei spielen können, dekarbonisierte Energie zu geringeren Kosten und mit höherer Netzstabilität bereitzustellen.

Derzeit signalisiert der Markt klar eine Nachfrage nach Speicherlösungen für mittlere bis lange Dauer, doch der regulatorische Rahmen und die Anreize für Erstanwender sind noch nicht vollständig vorhanden. Zugleich hat sich bislang keine einzelne technologische Lösung als dominierend durchgesetzt. Das eröffnet Europa die Chance, in diesem Bereich eine führende Rolle zu übernehmen, insbesondere angesichts der großen Zahl vielversprechender KMU auf diesem Feld.Derzeit gibt es eine EIC-Accelerator-Challenge, die fortschrittliche Materialien für erneuerbare Energien sowie die mittel- bis langfristige Energiespeicherung umfasst, was zeigt, wie aktuell dieses Thema geworden ist.

In diesem Zusammenhang noch eine Frage zur Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission. Was können wir uns darunter vorstellen?

Die Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission entwickelt Forschungs- und Innovationspolitiken für die Europäische Union und setzt diese mit den ihr zugeordneten Agenturen um. Sie überwacht das aktuelle EU-Forschungs- und Innovationsförderprogramm Horizon Europe sowie die EU-Missionen. Diese Generaldirektion ist verantwortlich für die EU-Politik in den Bereichen Forschung, Wissenschaft und Innovation mit dem Ziel, entlang der Technology-Readiness-Level-Kette Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen und im Zusammenspiel mit fachspezifischen Generaldirektoraten unsere größten gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen. Damit ist sie der entscheidende Hebel, um Verständnis für die Notwendigkeiten und Bedürfnisse der Batteriebranche sichtbar zu machen und gezielt auf europäischer Ebene Projekte und Entscheidungen zu Förderprogrammen zu generieren. Genau dort setzt unsere Arbeit an und genau dort sehe ich unsere gemeinsame Chance – die Automobil- und die Batteriewirtschaft Europas wieder in die ihnen zustehende globale Führungsposition zu heben.

Lieber Herr Dr. Scheffer, mit Ihren Worten haben Sie unseren Mitgliedern und Lesern eine weitere sehr optimistische europäische Sichtweise der Batteriewirtschaft vermittelt. Diesen europäischen Gedanken werden wir weitertragen und für mehr Bewerbungen für Finanzierungschancen auf europäischer Ebene sorgen.

Lesen Sie hier über den erwähnten aktuell laufenden EIC-Förderaufruf und hier über Wege zur EIC-Förderung.

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